Über mich

Kosova: Prägende Jahre und der Traum von Bildung

Bild: Dorf Atmaxhë. Im Hintergrund der imposante Berg „Pashtriku“. © Hilmi Gashi

Es waren schwierige Jahre auf dem Balkan. Unter Slobodan Milošević keimte der serbische Nationalismus auf. Angehörige nicht-serbischer oder montenegrinischer Abstammung wurden im Kosovo sukzessive diskriminiert und unterdrückt. Die staatliche Repression traf vor allem die albanische Bevölkerung. Proteste gegen die Aufhebung der Autonomie des Kosovo wurden blutig niedergeschlagen; Schulen und Universitäten für Albanerinnen und Albaner geschlossen. So endete mein Traum von einer akademischen Karriere vorläufig. Diese Apartheidpolitik traf auch Arbeitnehmende albanischer Herkunft: Sie verloren ihre Stellen und damit die Existenzgrundlage für ihre Familien. Auch mein Vater verlor seine Arbeit. Sein „Verbrechen“ war die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaftssektion im Weinbergkombinat, in dem er jahrzehntelang gearbeitet hatte.

Neuanfang in der Schweiz: Gegenwind als Antrieb

In der Schweiz arbeitete ich zuerst auf dem Bau als Maler. Die Arbeit war spannend und kreativ, doch der Traum von einer akademischen Laufbahn liess mich nicht los. Also beschloss ich, diesen Weg erneut zu suchen. Mein Deutsch war mittlerweile passabel, dennoch war es kein einfaches Unterfangen: Die Universität Bern lehnte mein Immatrikulationsgesuch ab, da mein Gymnasialabschluss nicht anerkannt wurde. Mit etwas Glück und nach einer dreijährigen Odyssee durch verschiedene Institutionen wurde ich schliesslich an der Universität Fribourg immatrikuliert. Ich konnte mein Glück kaum fassen: Ich durfte an der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studieren. Um mein Studium zu finanzieren und meine Familie im Kosovo zu unterstützen, arbeitete ich weiterhin auf dem Bau, im Gastgewerbe und als Dolmetscher.

Während der Studienzeit engagierte ich mich bei Radio RaBe in Bern. Beim alternativen Kultursender gestaltete ich die albanische Sendung LAME (News, Aktualitäten und Musik) und half bei der Wiederbelebung der Nachrichtenredaktion (RaBe-Info) mit. Von Beginn an war ich in den Vereinsstrukturen aktiv, zuerst als Mitglied der Programmkommission und später als Programmleiter. Nach meiner Zeit bei RaBe wechselte ich zum Schweizerischen Roten Kreuz als Co-Leiter eines Beschäftigungs- und Informationszentrums für kosovarische Flüchtlinge in Biel. Später war ich als Fachexperte für den Kosovo und als Projektleiter für den Aufbau der Informationsplattform Migration und Gesundheit (miges.ch) im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) tätig. Die Plattform wurde später zu migesplus.ch weiterentwickelt.

Es folgten Projekte beim HEKS als Projektberater und Dozent für Kleinstunternehmen bei HEKS PERSPEKTIVE. 2002 wagte ich gemeinsam mit meinem Mitbewohner Georg Häsler den Sprung in die Teilselbstständigkeit. Wir produzierten Filme und Reportagen für Radio und Fernsehen. Unser Film „Arbëresh: ein Migrationsblues“ wurde an den Solothurner Filmtagen gezeigt sowie im Schweizer Fernsehen und auf 3Sat ausgestrahlt.

Seit 2005 arbeite ich bei der Gewerkschaft Unia – zuerst als nationaler Sekretär für Migration aus dem Balkan und Verantwortlicher für „Horizonte“, ein mehrsprachiges Magazin der Gewerkschaft Unia. 2009 übernahm ich die Co-Leitung der Unia-Sektion Berner Oberland. 2019 kehrte ich zu meinen beruflichen Schwerpunkten zurück und leite seither den Bereich Interessengruppen (Migration, Jugend, Gleichstellung und Rentner). Zudem vertrete ich die Gewerkschaft in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) sowie in der Eidgenössischen Kommission für Migration (EKM). Seit 2019 präsidiere ich die Migrationskommission des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).

Bern: Wo aus Freiheit Heimat wurde

Bern und ich – das war Liebe auf den zweiten Blick (erst nach meiner Rückkehr aus New York), aber eine, die nun schon über drei Dekaden hält. Dazu beigetragen haben die bewegten Zeiten und Menschen in meiner ersten Wohngemeinschaft am Pavillonweg 5 (EUG) sowie das Umfeld der Reitschule, der Universität und der Brasserie Lorraine. An diesen Orten konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben Freiräume wahrnehmen, sie mitgestalten und mich entfalten, ohne Angst vor politischer Verfolgung. Die Verbundenheit zu Bern und der Schweiz wurde durch die Teilhabe an verschiedenen Initiativen und Projekten immer stärker. Die Geburt meiner Kinder in Bern machte die Stadt schliesslich zur „Geburts-Heimat“ einer neuen Generation der Familie Gashi. In meiner Rolle als Vater entdeckte ich neue Lieblingsorte wie den Monbijoupark, den Rosengarten, das Marzili, die „Pläffä“ und die Aare.

Mittlerweile lebe ich mit meiner Frau Violeta und unseren beiden Söhnen in Muri bei Bern und politisiere dort für die Grünen im Grossen Gemeinderat (Parlament) von Muri-Gümligen. Im Jahr 2025 durfte ich das Parlament präsidieren. Damit war ich ein Jahr der höchste Muri-Gümliger.

Persönliches: Rockmusik, Rebellion und Verantwortung

Aufgewachsen bin ich in einer kinderreichen Arbeiterfamilie als ältestes von sieben Kindern. Es war eine lehrreiche und herausfordernde Kindheit in einem Bauerndorf. Wegen meines Interesses für Rockmusik und anderen „normverletzenden“ Verhaltens wurde ich im Dorf bekannt und teilweise auch – insbesondere von jungen Menschen – heimlich bewundert.

Engagement: Für eine Gesellschaft, die niemanden zurücklässt

Mein erstes freiwilliges Engagement in der Schweiz leistete ich bei der PTA (Pfadi Trotz Allem) Bern. Gemeinsam mit vielen kreativen jungen Menschen gestalteten wir Pfadi-Übungen für Kinder aus den Schulheimen Rossfeld und Aarhus. Highlights waren die Pfingst- und Sommerlager im Zelt sowie die Schlittelwochenenden. Als Leiter investierten wir viel Engagement, profitierten aber auch menschlich enorm. Diese Erfahrung mit Menschen, die von der Gesellschaft oft in Heimen und Sonderschulen „abgeschoben“ wurden (so meine damalige Wahrnehmung), bestärkte mich in meinem Einsatz für eine inklusive Gesellschaft und half mir, in vieldimensionalen Realitäten zu denken. Parallel zur PTA engagierte ich mich in verschiedenen politischen und studentischen Aktivitäten. Über die Jahre war ich Vorstandsmitglied in Vereinen wie der Schweizerischen Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht, der Plattform albinfo.ch (Lausanne), Mitglied des Strategischen Rates des Albanerrates sowie Mitglied und später Präsident der Integrationskommission der Stadt Bern und Mitglied im Elternrat der Schule Marzili/Sulgenbach.

Zurzeit amte ich als Präsident von der Migrationskommission des schweizerischen Gewerkschaftsbundes, bin Vorstandsmitglied bei Solidarité sans frontières, prointegra.ch und bei der Aktion Vierviertel. Ich bin Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Stiftung ECAP sowie 12 Jahr lang Mitglied des Directory Boards von Germin mit Sitz in Prishtina. Seit 2022 bin ich Mitglied des Verwaltungsrates der Asylorganisation Zürich. In meiner übrigen Zeit trainierte ich lange eine Juniorenmannschaft des FC Muri-Gümligen. Heute findet man mich oft auf dem Fussballplatz, wo ich mich freue, meine einstigen Schützlinge beim Kicken zu beobachten.

Lebensqualität: Saitenklänge, Fussball und Genuss

Gitarre spielen (früher in einer Band), Lesen, Schreiben, Fussball und gutes Essen sowie spezielle Weine geniessen. Ausflüge auf den Dentenberg, an die Aare und in den Jura gehören mittlerweile zur Familientradition. Um mich fit zu halten, trainiere ich ziemlich regelmässig auch Wing Tsun bei der EWTO-Akademie Bern .