Eine Geschichte aus dem Oberwallis?

Eine Geschichte aus dem Oberwallis?

von Ueli Leuenberger

Es geschah in einem kleinen Dorf im Oberwallis. Im kleinen Weiler oberhalb des Dorfes, wurde schon zum dritten aufeinander folgenden Tag ein Mann beobachtet, der aus seinem Auto, fünfzig Meter oberhalb des Hauses der Familie Matter, mit einem Feldstecher und Photoapparat bewaffnet, Haus und Leute ins Visier nahm.
In der Dorfbeiz sprachen die Männer darüber, wie ein Fremder, – dem Dialekt nach wohl ein Unterländer, einer aus der Stadt, etwas aufdringlich herumfrage, was der Matter Franz eigentlich so treibe. Ob er wohl das Holz vor dem Hause regelmässig alleine aufstaple; ob er seine Kuh regelmässig auf die Wiese ausführe und vor allem, ob er am letzten Dorffest beim Bühnenaufbau auch mitgeholfen habe.

Im Dorfladen munkelten die Frauen, dass mit den Matter’s wohl was nicht stimme, sonst würden die doch nicht so beobachtet. Die Viert-Klässler in der Dorfschule erzählten die wildesten Geschichten über den Matter Franz. Er habe wohl ein Verbrechen begangen und der Fremde der seit einigen Tagen überall herumfrage, sei wohl von der Polizei, obwohl er gar nicht so aussehe und sich nicht wie ein normaler Polizist benehme.
Dem Matter Franz und seiner Familie kam dies alles natürlich zu Ohren und unheimlich vor. Jemand sagte ihnen auch, dass dies so ein Spion sei, der wissen wollte ob der Franz wirklich invalid sei, da er ja eine Rente beziehe. In ihrer Ehre verletzt, durch die ausgelöste Unruhe im Dorfe und den Schrägen Blicken einiger Nachbarn, beschloss Franz den Fremden aus dem Unterland, den Städter, zur Rede zu stellen. Zusammen mit seinem Bruder und drei Cousins stellten sie den „fremden Fötzel“, bekamen jedoch nur wirre Erklärungen zu hören. Da verjagten sie ihn und rieten im, sich ja nie wieder beim Haus oder im Dorfe blicken zu lassen.

N.B. Die Geschichte spielte sich nicht im Oberwallis ab, sondern in einem Bergdorf im Kosovo. Natürlich ist es nicht die Geschichte vom Matter Franz sondern, die vom Halimi Sami, einem langjährigen sogenannten „Gastarbeiter“ aus der Schweiz, der als Bauarbeiter, vielleicht war es sogar im Oberwallis, beim Bau von Dorfschulen, Mehrzweckhallen, Hotels und unzählige Ferienhäuser kräftig Hand anlegte. Bis… , ja bis zu diesem Unfall auf der Baustelle, von dem er sich nie wirklich erholt hat und deswegen er eine IV-Rente bezieht. Eine bescheidene Rente, die in der Schweiz zum Leben nicht genügte, im Kosovo jedoch schon.
P.S. Es ist möglich, dass eines von Sami Halimi gebauten Ferienhäuser einem SVP-Politiker gehört, der zur Zeit, Land auf, Land ab über die „Fremden Fötzel“ wettert, die die IV-Kasse plündern.

Diesen Text hat der Alt Nationalrat und ehemaliger Präsident der Grünen Schweiz, Ueli Leunberger  vor 10 Jahren veröffentlicht

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